Alternative Heilkunde

Akupunktur: Grundlagen und Bewertung

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Studien zeigen immer wieder: Wo die Nadel gesetzt wird, spielt bei der Wirkung kaum eine Rolle.Bei der Akupunktur werden Akupunkturpunkte (Nadelpunkte) genutzt. Hier öffnen sich nach klassischer Ansicht die Meridiane durch die Haut, sodass durch entsprechende Manipulation ein Überschuss oder Mangel an Qi ausgeglichen werden kann. Da es in der Akupunktur viele unterschiedliche Schulen gibt, herrschen jedoch über die genaue Zahl und Lokalisation der Akupunkturpunkte verschiedene Ansichten.

Die Ausbildung zum Akupunkteur ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt. Manche Institute bilden nur Ärzte aus, andere wenden sich auch an Mitglieder anderer Heilberufe und Laien. Die Dauer der Ausbildung schwankt ebenfalls erheblich – die meisten akupunktierenden Ärzte verfügen jedoch über eine Ausbildung von mindestens 140, viele sogar von über 350 Praxisstunden.

Wirkungsweise. Wie die Akupunktur genau wirkt, ist nicht bekannt. Die durch die Nadeln gesetzten Reize könnten die inneren Organe über das Nervensystem oder über chemische Botenstoffe und Hormone beeinflussen. Die Nadelung setzt an den Nervenendungen in der Haut Überträgerstoffe (Transmitter) frei, wodurch die Reizleitung des Nervensystems beeinflusst wird. Dadurch kann z. B. die Fortleitung von Schmerzen gehemmt werden. Aber auch Wirkungen am zentralen Nervensystem sind nachgewiesen worden – so werden bei einer Nadelung auch körpereigene schmerzunterdrückende Substanzen im Gehirn (Endorphine) ausgeschüttet, und auch die Durchblutung in bestimmten Hirnarealen wird beeinflusst. Eine plausible Theorie für die von der Traditionellen Chinesischen Medizin angenommene punktspezifische Wirkung (d.h. eine Wirkung, die nur über die traditionell genadelten Punkte zustande kommt) gibt es bisher allerdings nicht.

Durchführung. Der Akupunkteur versucht zunächst festzustellen, in welchen Meridianen oder Organen ein Mangel oder ein Überschuss an der Lebensenergie Qi besteht. Dies kann über die traditionellen chinesischen Methoden der Zungen- und der Pulsdiagnose, aber auch durch Zuhören und das genaue Erfragen von Beschwerden erreicht werden. Auch durch Druck auf Punkte der Meridiane oder Reflexpunkte kann eine erhöhte Empfindlichkeit und damit eine abnorme Energieverteilung ertastet werden.

Nach genauer Diagnose des energetischen Ungleichgewichts werden Nadeln unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Durchmessers in bestimmte Hautpunkte gestochen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ursprünglich wurden Gold- oder Silbernadeln verwendet, aus Hygienegründen werden heute in den westlichen Ländern Einmalnadeln aus Stahl bevorzugt – diese sind so dünn wie ein kräftiges Haar. Der Einstich der Nadeln ist nicht schmerzhaft, oft stellt sich ein Druck- oder Wärmegefühl oder auch ein Kribbeln im Bereich des Akupunkturpunkts ein. Je nach Schule schwankt sowohl die Einstichtiefe als auch die Zahl der maximal zu verwendenden Nadeln. Die Nadeln bleiben 20–30 Minuten liegen, während der Patient ruht.

Anwendungsbereiche. Die Akupunktur wird im Westen vor allem für chronische Schmerzzustände eingesetzt, wie etwa Kopfschmerzen, Migräne, Rückenschmerzen, Rheuma und andere Gelenkbeschwerden. Auch für stressbedingte Störungen, chronische Müdigkeit, Allergien, zur Suchtentwöhnung, zur Erleichterung der Geburt und für eine lange Liste weiterer Erkrankungen wird die Akupunktur empfohlen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt über 40 Krankheiten, die sich möglicherweise für eine Behandlung durch Akupunktur eignen (diese Liste entspricht allerdings entgegen mancher Interpretationen keiner Empfehlung an sich für die Behandlung durch Akupunktur). In Deutschland wird die Akupunktur bei bestimmten Indikationen (z. B. chronischen Rückenschmerzen oder durch Arthrose bedingten Knieschmerzen) von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.

Bewertung. Die Akupunktur ist ein uraltes, in ein kulturgebundenes Denksystem eingebettetes Verfahren mit verschiedenen, sich teils widersprechenden Schulen und Strömungen. Manche Wirkungen der Akupunktur können nach dem modernen wissenschaftlichen Weltbild verstanden werden; die vom TCM-Energiemodell angenommenen punktspezifischen Wirkungen der Akupunktur können bislang jedoch nicht überzeugend erklärt werden.

Die Verträglichkeit der Akupunktur ist exzellent, die Patientenzufriedenheit ist generell hoch.

Dass die Akupunktur wirksam ist, ist unbestritten und in vielen Studien mit großen Patientenzahlen gut und wissenschaftlich sauber dokumentiert. Auch bei vielen chronischen Krankheiten (etwa Kopfschmerzen und Migräne) ist ihre Wirkung den derzeitigen schulmedizinischen Ansätzen vergleichbar.

Allerdings: Nur bei einigen wenigen Krankheiten konnte gezeigt werden, dass die Nadelung der spezifischen Energiepunkte wirksamer ist als eine „zufällige“ Nadelung an anderen Hautstellen – dies gilt z. B. für den Kniegelenkschmerz, Übelkeit, Zahnweh und Tennisellenbogen. Insbesondere die neueren, mit großen Patientenzahlen durchgeführten Studien stellen eine spezifische Wirkung der Akupunktur in Frage. So konnten die von den Ersatzkassen und die von der AOK an insgesamt etwa 500 000 Patienten durchgeführten Studien zumindest für Kopfschmerzen, Migräne und Rückenschmerzen keine Unterschiede zwischen einer Nadelung der Akupunkturpunkte und einer „zufälligen“ Nadelung feststellen. Daten zur Langzeitwirkung der Akupunktur sind noch immer rar. [X04]

Die Akupunktur kann nach Meinung von Experten bei schweren Erkrankungen wie etwa | Diabetes oder Bluthochdruck eine schulmedizinische Behandlung nicht ersetzen, sie ist jedoch bei chronischen Schmerzerkrankungen wie Spannungskopfschmerzen und Migräne sowie Rückenschmerzen durchaus eine Alternative.

Da die Diagnose innerhalb der Traditionellen Chinesischen Medizin von einer ganz anderen Begrifflichkeit ausgeht und sich auf nur wenige einfache Techniken stützt, sollten die durch Akupunktur behandelten Krankheiten immer auch zusätzlich schulmedizinisch diagnostiziert und begleitet werden.

Sondertext: Das Akupunktur-Paradox

Weiterführende Informationen

http://www.daegfa.de|www.daegfa.de – Internetseite der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V., München: Verständlich aufbereitete Fachinformationen mit Suchfunktion zu DÄGfA-geprüften Akupunkturärzten. http://www.akupunktur.de|www.akupunktur.de – Internetseite der Stiftung Akupunktur, Pullach: Ausführliche und fachlich fundierte Informationen für Patienten und Ärzte, von der Geschichte und Wirkungsweise über Behandlungsfehler der Akupunktur bis zu Praxisadressen und Frageforum. http://www.forschungsgruppe-akupunktur.de|www.forschungsgruppe-akupunktur.de – Internetseite der Forschungsgruppe Akupunktur GbR, Düsseldorf: Fach- und Patienteninformationen mit Praxistipps zur Kostenübernahme und einer Ärzteliste. http://www.gerac.de|www.gerac.de – German acupuncture trials. Weltweit bisher größte Akupunkturstudie, durchgeführt von einem Zusammenschluss mehrerer Hochschulen, Forschungsinstitute, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und anderen. G. Stux: Akupunktur. Eine Einführung. Springer, 2003. Fachratgeber, der auch für Laien verständlich eine ausführliche Einführung in die Heilmethode einschließlich großem Anwendungs- und Diagnoseteil bietet. A. Molsberger; G. Böwing: So hilft mir die Akupunktur. Haug, 2006. Knapper Ratgeber für Eilige.

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Die verschiedenen Heilverfahren in ListenformMit der Akupunktur verwandte VerfahrenDas Akupunktur-Pradox

Osteopathie

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Osteopathen widmen sich bei Beschwerden nicht nur Muskeln und Gelenken, sondern auch dem BindegewebeDie Osteopathie geht auf den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still zurück. Nach dessen Annahmen funktioniert der menschliche Körper als Einheit, bei der sich Spannungen in einem Teil des Körpers in Spannungs- und Druckerscheinungen an anderen Teilen des Körpers niederschlagen. Wird etwa die Beweglichkeit durch eine Verletzung eingeschränkt, so arbeitet der betroffene Körperteil nicht mehr optimal. Andere Körperstrukturen übernehmen jetzt einen Teil der Arbeit. Diese Mehrarbeit macht nun auch dieses ursprünglich nicht betroffene Gebiet anfälliger für Störungen und Verspannungen. So kann eine Verspannung im Nacken als Fernwirkung durchaus einen Hexenschuss fördern.

Osteopathen ertasten solche Belastungen der Gewebe (Dysfunktionen), und zwar nicht nur im Bereich der Wirbelsäule und der Gelenke, sondern auch am Bindegewebe des Körpers, dem die Osteopathen eine besondere Bedeutung für die Gesundheit zumessen. Mithilfe bestimmter Griffe werden die ertasteten Dysfunktionen gelöst – dabei werden auch Körpergebiete, die keine Symptome verursachen, mit einbezogen. Und auch der Körper findet so zu einer ökonomischeren Funktionsweise zurück und kommt wieder ins Gleichgewicht.

Die Bezeichnung Osteopath kann von Ärzten und Heilpraktikern sowie von Physiotherapeuten berufsbegleitend an verschiedenen privaten Schulen erworben werden. Zudem bieten vor allem die von der Akademie für Osteopathie e. V. (AfO) akkreditierten Schulen ein umfassendes, fünfjähriges Vollstudium für Interessenten mit Hochschulreife an.

Bewertung. Osteopathische Behandlungen werden in der Regel gut vertragen und die Risiken sind gering. Wissenschaftlich gilt die Wirksamkeit der Osteopathie als nachgewiesen (nicht aber der damit verwandten Kraniosakraltherapie). So sprechen Rückenschmerzen auf osteopathische Behandlungen an, und auch die |Fibromyalgie, rezidivierende Mittelohrentzündung, |Asthma bei Jugendlichen, Dreimonatskoliken und auch chronische Erkrankungen der inneren Organe wie etwa Verdauungsstörungen lassen sich therapieren.

Weiterführende Informationen

http://www.osteopathie.de|www.osteopathie.de – Internetseite des Verbands der Osteopathen Deutschlands e. V., Wiesbaden: Übersichtliche Patienten- und Fachinformationen mit Therapeutenliste. C. Newinger: Osteopathie: Sanftes Heilen mit den Händen. Trias, 2005. Laienverständlich wird erklärt, wie eine osteopathische Behandlung abläuft, und bei welchen Beschwerden sie individuell am besten hilft. T. Liem: Osteopathie: Die sanfte Lösung von Blockaden. Hugendubel-Verlag, 2004. Anschauliche Einführung in die Osteopathie.

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Was sind manuelle Therapien?KraniosakraltherapieChiropraktikKlassische MassageDie verschiedenen Heilverfahren in Listenform

Chiropraktik

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Chiropraktik hilft bei Nackenschmerzen ähnlich gut wie Physiotherapie.Nach der von Daniel David Palmer in den USA entwickelten Chiropraktik (Chirotherapie oder auch Manuelle Medizin) gehen alle Krankheiten von Fehlstellungen und Einengungen der Wirbelgelenke (Subluxationen) aus. Durch die Fehlstellungen würden Nerven eingeengt und in ihrer Leitfähigkeit beeinträchtigt.

Die meisten Chiropraktiker beschränken sich heute auf die Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Verspannungen, Rückenschmerzen und Gelenkprobleme. Manche Chiropraktiker meinen aber auch innere Erkrankungen durch Manipulationen der Wirbelgelenke behandeln zu können.

Die Subluxationen werden mithilfe gezielter Handgriffe und Manipulationstechniken behoben. Das gestörte Wirbelgelenk wird z.B. durch einen ruckartigen Impuls mit einem oft deutlich hörbaren „Knacken“ mobilisiert.

Chiropraktik wird an Heilpraktikerschulen gelehrt, es gibt in Deutschland aber keine festgelegte Ausbildung zum Chiropraktiker.

Eines von vielen der Chiropraktik ähnlichen Verfahren ist die Wirbelsäulentherapie nach Dorn. Hier werden verschobene Rückenwirbel als Ursache nicht nur von Schmerzen, sondern auch von organischen Störungen angesehen. Die verschobenen Wirbel werden ertastet und sanft massierend in ihre Position gedrückt. Oft wird das Verfahren mit einer Rückenmassage nach Breuß kombiniert, die auf besonders feinfühligen Grifftechniken beruht.

Eine andere, aus der Chiropraktik hervorgegangene Methode ist Zilgrei. Diese, nach den Namensanfängen der Begründer A. Zillo und H. Greissing benannte Methode wird zur Selbstbehandlung bei Schmerzen und funktionellen Störungen propagiert und kombiniert Elemente der Chiropraktik, der Bewegungstherapie und der Tiefenatmung, wie sie etwa im Yoga praktiziert wird.

Entzündlich erkrankte oder verletzte Gelenke dürfen nicht chiropraktisch behandelt werden. Bei unsachgemäßer Behandlung vor allem der Halswirbelsäule sind Lähmungen, Schlaganfälle und Todesfälle vorgekommen. Die Griffe sollten deshalb nur von ausgebildeten Experten ausgeführt werden, eine Manipulation der Halswirbelsäule bei älteren Patienten ist generell zu vermeiden.

Bewertung. Das Verfahren wird im Allgemeinen gut vertragen, ist aber nicht frei von – teilweise schwerwiegenden – Risiken. Wissenschaftlich gesichert ist der Wert der Chiropraktik bei akuten Schmerzen im Bereich des unteren Rückens. Hier kann die innerhalb von 4–6 Wochen begonnene chiropraktische Behandlung Schmerzen verringern und die Beweglichkeit steigern. Bei Nackenschmerzen wirkt die Chiropraktik ähnlich gut wie (bzw. nicht besser als) physiotherapeutische Übungen. Keinen positiven Einfluss scheint die Chiropraktik auf die Behandlung von Krankheiten außerhalb der Wirbelsäule und bei inneren Erkrankungen wie etwa Asthma oder Koliken bei Kindern zu haben.

Manuelle Medizin
Die nach dem 2. Weltkrieg entwickelte manuelle Medizin geht davon aus, dass Gelenkblockierungen zu einer Überspannung von Muskeln und Sehnen führen können, die das Gelenk normalerweise in Bewegung halten. Durch diese Verspannungen entstehen Fernwirkungen wie Kopf- und Nackenschmerzen, Rückenschmerzen und Durchblutungsstörungen, die wiederum Schwindel und sogar Probleme an inneren Organen auslösen können. Durch bestimmte Griffe sollen die Muskelverspannungen gelöst und so das Gelenkspiel wieder frei werden. Auch „knackende“ Manipulationen der Gelenke kommen zum Einsatz, meist werden jedoch Weichteiltechniken bevorzugt, bei denen die Fingerkuppen streichend und knetend für Lockerung sorgen. Die manuelle Medizin wird hauptsächlich bei orthopädischen Erkrankungen, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen und rheumatischen Beschwerden eingesetzt.

Ärzte können sich durch Kurse und Fortbildungen die Zusatzbezeichnung Arzt für Chirotherapie erwerben. Physiotherapeuten, die solche Kurse belegen, dürfen auf ärztliche Anordnung ebenfalls dieses manuelle Verfahren anwenden.

Bewertung. Die Verträglichkeit ist gut, Nebenwirkungen sind selten. Die manuelle Therapie wird meist als Teil eines „therapeutischen Pakets“ oder ergänzend zu anderen Verfahren angewandt. Entsprechend schwer ist ihr Nutzen im Einzelfall einzuschätzen und wissenschaftlich zu überprüfen.

Weiterführende Informationen

http://www.chiropraktik.de|www.chiropraktik.de – Internetseite der Deutschen Chiropraktoren-Gesellschaft e. V., Wolfenbüttel: Übersichtliche Fach-, Ausbildungs- und Patienteninformationen mit weiterführenden, internationalen Links. http://www.chiropraktik-bund.de|www.chiropraktik-bund.de – Internetseite des Bunds deutscher Chiropraktiker e. V., Berlin: Ausbildungs- und Patientenratgeber mit Therapeutenliste. http://www.dgmm.de|www.dgmm.de – Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin, Jena: Fach- und Patienteninformationen mit weiterführenden Links und Literaturliste. H.-P. Bischoff: Manuelle Medizin. Chirotherapie – Osteopathie. Hugendubel-Verlag, 2005. Von einem Orthopäden verfasst, beantwortet der Ratgeber die häufigsten Fragen und gibt einen leicht verständlichen Einblick in die Therapiemöglichkeiten. K. Bayer: Chirotherapie von Kopf bis Fuß. Haug, 2005. Praxishandbuch, das primär chirotherapeutische Techniken aufzeigt sowie deren Bedeutung.

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Was sind manuelle Therapien?OsteopathieKraniosakraltherapieKlassische MassageDie verschiedenen Heilverfahren in Listenform

Kräuter-Tee

Quelle: apotheken.de | 07.03.2008 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Kräuter-Tee wird bei den unterschiedlichsten Beschwerden eingesetzt.Dass uns beim Stichwort „Kräutermedizin“ als erstes der Kräutertee in den Sinn kommt, ist kein Zufall: So ist der Kräutertee die am häufigsten zu Hause selbst zubereitete pflanzliche Anwendung. Heilkräuter können aber auch zum Gurgeln, zur Mundspülung, als Wundauflage, als Umschläge, Wickel, Augenspülungen, als Badezusätze, Inhalationen, Öle, Salben, Tinkturen – oder gar als Lebensmittel (etwa als Salate oder als Gewürzmittel) verwendet werden.

Tee – der wässrige Auszug aus Pflanzenteilen – kann aus frischen oder getrockneten Kräutern bereitet werden und zwar als:

Aufguss (Infus). Heilkräuter werden mit kochend heißem Wasser übergossen – der „Tee“ schlechthin. Regel: 5–10 Minuten ziehen lassen, Gefäß danach abdecken, damit sich die flüchtigen (ätherischen) Inhaltsstoffe nicht verziehen. Heiß oder abgekühlt trinken. Aufkochung. Manche Kräuter und Wurzeln (z. B. Eibischwurzel) werden zunächst mit kaltem Wasser übergossen und erst nach dem „Ziehen“ aufgekocht. Abkochung (Decoct). Die Heilpflanzen werden 10–15 Minuten in Wasser gekocht, um weitere Heilstoffe daraus zu lösen. Dieses Verfahren wird besonders bei harten Pflanzenteilen wie Wurzeln und Rinden angewendet. Kaltansatz (Kaltauszug, Mazerat). Kräuter werden viele Stunden in kaltes Wasser gelegt und erst zur Anwendung erwärmt. Hierdurch lassen sich auch hitzeempfindliche Wirkstoffe gewinnen (etwa bei Mistel oder Baldrian).

Mischungen aus verschiedenen Heilkräutern werden von manchen Herbalisten (in Kräuterheilkunde erfahrene Menschen) grundsätzlich abgelehnt, andere halten Mischungen dagegen für wirkungssteigernd. Zu achten ist aber immer darauf, dass nur Heilkräuter mit ähnlichen Aufgusszeiten gemischt werden – die vom Apotheker zusammengestellten Mischungen tragen dem Rechnung.

Viele Teezubereitungen sind fertig abgepackt auch in Lebensmittelläden erhältlich. Solche Fertigtees werden in Teefilterbeuteln oder als Instanttee angeboten. Die Qualität schwankt jedoch erheblich. Nur wenn auf der Packung indikationsbezogene Angaben gemacht werden (etwa: „zur Schleimlösung bei Bronchitis“), muss die verwendete Heilpflanze einem hohen, gesetzlich verankerten Qualitätsstandard entsprechen. Dies wird von vielen Herstellern umgangen, die auf der Packung keine indikationsbezogenen, sondern allgemeine Angaben machen („besonders für die Erkältungszeit“) und entsprechend minderwertigere Zutaten verwenden.

Gerade bei Instanttees machen die Hersteller so manchen Kompromiss, um ein möglichst rieselfähiges Produkt zu erhalten. Nur wenn Sprühextrakte verwendet werden, ist die Qualität der zugefügten Kräuterauszüge einigermaßen gesichert.

Aufbewahrung. Tees werden am besten vor Licht geschützt, kühl und trocken gelagert – andernfalls verdampfen die flüchtigen Inhaltsstoffe frühzeitig und Mikroorganismen könnten sich festsetzen. Ideal sind braun getönte, fest verschließbare Glasbehälter oder Weißblechdosen. Gut gelagert lassen sich Tees bis zu einem Jahr ohne Wirkungsverlust aufbewahren.

427|Tabelle: Die wichtigsten Heilpflanzen (Arzneipflanzen, Heilkräuter) mit ihrer Wirkungsweise und den derzeitigen Empfehlungen zur Anwendung.

Damit die Kräuter-Tees ihre heilende Kraft entfalten können, sollte ein medizinisch verordneter Tee mit Bedacht getrunken werden.

Deshalb sind die folgenden Tipps – wenn immer möglich – wert, beachtet zu werden:

Heilkräutertees immer schluckweise und in Ruhe trinken. Nicht mit „vollem Bauch“ trinken – Wirkstoffe werden vom leeren Magen besser aufgenommen. Auch wenn man daraus kein Dogma machen sollte: Die besten Zeiten sind morgens nüchtern, vor dem Schlafengehen bzw. 1–2 Stunden nach dem Essen. Manche Kräutertees können durchaus als „Kuren“ getrunken werden. Grundsätzlich gilt aber: Wenn der gleiche Tee länger als einen Monat getrunken wird, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Medizinischer Tee ist kein Dauergetränk! Auch wenn generell empfohlen wird, Heilpflanzentees ungesüßt zu trinken – manche Tees sind nicht gerade eine Gaumenfreude (z. B. Salbeitee). Auch für Kinder werden viele Tees erst durch einen geschmacklichen Ausgleich genießbar. Es spricht deshalb nichts dagegen, gerade die oft bitter schmeckenden Hustentees mit Honig zu süßen. Auch ein Schuss Apfelsaft oder ein paar Tropfen Zitronensaft können einen Tee „gefälliger“ machen – oder mischen Sie einen eher bitteren Tee zur geschmacklichen Verbesserung mit einem wohlschmeckenderen: Der Zusatz von Fencheltee etwa lässt einen Salbeitee für manche süßer wirken, der Zusatz von Pfefferminz frischer.


Naturheilverfahren realistisch nutzen

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Naturheilverfahren sind häufig eine sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin.Akut gefährliche oder schwer verlaufende Krankheiten sind grundsätzlich ungeeignet für eine Behandlung mit Naturheilverfahren. Diese Zurückhaltung ergibt sich aus dem Wirkprinzip vieler Naturheilmethoden: Wo Wirkung über eine Steigerung der Selbstheilungskräfte erzielt wird, können die entsprechenden Verfahren nur wirken, wenn solche selbstregulierenden Kräfte überhaupt noch greifen können. Ist der Organismus von einer schweren Erkrankung überwältigt, so kann er die Kraft zur Selbsthilfe zumindest in der akuten Phase nicht mehr aufbringen.

Generell gibt es Indizien, die Sie aufhorchen lassen sollten, wenn Sie eine bestimmte naturheilkundliche Therapie erwägen. Seien Sie deshalb zumindest skeptisch, wenn ein Therapeut:

Rasche, komplette Heilung verspricht. Wenn eine bestimmte Art der Behandlung oder Ernährung wirklich eine (chronische) Krankheit heilen könnte – sie hätte sich durchgesetzt, und zwar schon längst. Wenn es „zu gut klingt, um wahr zu sein“ ist es in aller Regel auch nicht wahr. Alle schulmedizinischen Verfahren in Bausch und Bogen verdammt und darauf besteht, dass Sie alle schulmedizinischen Therapien unverzüglich abbrechen. Vorgibt, mit einem bestimmten Verfahren alles behandeln zu können: Allergien, Depressionen, Diabetes und Krebs. Keine Medizin kann das. Sich auf „bahnbrechende Erkenntnisse“ beruft und angeblich ein „Forschungsinstitut XY“ unterhält. Wenn das Verfahren wissenschaftlich so gut abgesichert ist, ist es auch bei Ärzten zumindest in der Diskussion: Fragen Sie nach! Sich in einer Opferrolle darstellt – die Wahrheit werde unterdrückt, das Verfahren von der Pharmaindustrie „totgeschwiegen“. Pharmazeutische Zulassungsverfahren sind zwar langwierig, aber wirksame Therapien setzen sich durch. Gleichzeitig noch Handel mit Medikamenten oder Apparaten betreibt.

Weiterlesen:
Wirkungsweise der KomplementärmedizinNatürlich heilen, aber wie?Anbieter komplementärmedizinischer LeistungenArzt oder Heilpraktiker?

Pflanzenauszüge

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 In Komplettauszügen wirken die Inhaltsstoffe der Heilpflanzen optimal zusammen und entfalten ihre Kraft.Es wird angenommen, dass Komplettauszüge wegen der sich ergänzenden oder „abrundenden“ Wirkung der einzelnen Bestandteile teilweise andere Wirkungen entfalten als die in der modernen Phytotherapie verwendeten Einzelauszüge. Auch toxische (giftige) Effekte werden durch die Wirkung der gesamten Pflanze möglicherweise ausgeglichen. Dennoch können auch Heilkräuter unerwünschte, teils sogar toxische Wirkungen haben.

Deshalb dürfen manche Heilkräuter wie Huflattich oder Pestwurz nur zeitlich beschränkt angewendet werden. Andere Heilkräuter wie etwa Beinwell dürfen vorsichtshalber nur äußerlich verwendet werden (die im Beinwell enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide schädigen in hohen Dosen die Leber und sind möglicherweise krebsbegünstigend). In der Schwangerschaft ist besondere Vorsicht geboten – verboten sind z. B. Teufelskralle und Besenginster. Schließlich lösen auch Heilpflanzen bei entsprechend empfänglichen Menschen allergische Reaktionen aus.

Vor der Anwendung traditioneller Heilpflanzen sollte immer ein Arzt oder Apotheker um Rat gefragt werden. Das gilt insbesondere für importierte Kräuterzubereitungen, mit denen hierzulande nur wenig Erfahrung besteht.

Vor Rückständen an Schwermetallen oder Pestiziden auf Heilkräutern wird immer wieder gewarnt, und wegen der unkontrollierten Anbaubedingungen sind besonders Importe aus China nicht selten belastet – zum Teil sogar mit synthetischen Arzneimitteln wie etwa Kortison. Die in hiesigen Apotheken und Reformhäusern angebotenen Heilkräuter gelten aber als sicher, ihre Anbaubedingungen sind meist zertifiziert und lassen sich so vom Verbraucher überprüfen. Die in Apotheken verkauften Heilkräuter entsprechen zudem den Reinheitsgeboten und Gehaltsvorschriften des Deutschen Arzneibuchs.

Grundlagen der Homöopathie

Quelle: apotheken.de | 14.05.2008 | Dr. med. Herbert Renz-Polster/Dr. med. Markus Escher
 Manche glaube an ihre heilende Wirkung, andere halten sie für Humbug. Homöopathie ist umstritten - zurecht?In der Homöopathie werden Krankheiten und Beschwerden mit homöopathischen Mitteln behandelt, welche speziell für das jeweilige Anwendungsgebiet ausgesucht und zubereitet werden. Die Homöopathie wurde von dem Arzt, Apotheker und Chemiker Samuel Hahnemann (1755–1843) begründet. Im Grunde war die Entwicklung der Homöopathie ein Protest gegen die medizinischen Verfahren der damaligen Zeit – vom Aderlass über oft giftige Arzneien bis zum Schröpfen – die Hahnemann wegen der fehlenden Wirksamkeit und der vielen Nebenwirkungen ablehnte.

Die Homöopathie wird unterteilt in die klassische und die klinische Homöopathie, wobei die klassische das Mittel nicht allein nach dem beobachteten Krankheitszeichen auswählt, sondern nach dem individuellen Krankheitsbild; die klinische hingegen richtet sich bei der Wahl des Medikaments ausschließlich nach dem erkrankten Organ bzw. nach der ärztlichen Diagnose, greift also teilweise auf Diagnosen der Schulmedizin zurück, und ist weitaus weniger individuell als die klassische Homöopathie. Ein Grundsatzprinzip der Homöopathie ist die von Hahnemann begründete Ähnlichkeitsregel. Sie lautet: "Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt". Homöopathen wenden demnach eine Arznei an, die ein ähnliches Leiden hervorruft wie sie heilen soll.

Ärzte und Heilpraktiker können Homöopathie ohne zusätzliche Ausbildung praktizieren. Etwa 2 000 Ärzte haben in Deutschland jedoch die Zusatzbezeichnung Homöopathie, d.h., sie haben eine nach den Richtlinien der Bundesärztekammer durchgeführte Ausbildung durchlaufen. Fast zehnmal so viele Ärzte verordnen jedoch in ihrer Praxis regelmäßig homöopathische Medikamente. Gleichgültig, ob ärztlich verordnet oder nicht: Homöopathische Arzneimittel dürfen nur in Apotheken verkauft werden.

Potenzierung. Um die in der damaligen Medizin regelmäßig auftretenden Überdosierungen zu vermeiden, begann Hahnemann, seine Arzneistoffe schrittweise zu verdünnen. Um dabei dennoch die Wirksamkeit der Arznei zu erhalten, ja zu steigern, verschüttelte oder verrieb er die Medizin auf jeder Verdünnungsstufe. Er nannte dieses nach seiner Erfahrung wirkungsverstärkende Verfahren Potenzierung oder Dynamisation. Bei der Dezimalpotenzierung (D-Potenzierung) wird die Ausgangslösung bei jedem Verdünnungsschritt um den Faktor 10 verdünnt, bei der Centesimalpotenzierung (C-Potenzierung) um den Faktor 100. Wie oft der Ausgangsstoff verdünnt und verschüttelt wurde, wird durch eine hinter dem Potenzierungsbuchstaben stehende Zahl angegeben, also z.B. D3 (dreimal um den Faktor 10, also 1 000-fach verdünnt) oder C3 (dreimal um den Faktor 100, also millionenfach verdünnt). Zum Einsatz kommen Potenzierungen bis C200! Ab einer Verdünnung von D24 (bzw. C12) ist die Ausgangslösung so weit verdünnt, dass nach den Gesetzen der Chemie keine Moleküle der ursprünglichen Wirksubstanz mehr zu finden sind.

Wirkungsweise. Ein nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Weltbild plausibler spezifischer Wirkungsmechanismus ist nicht bekannt. Niedrigere Potenzen (etwa bis D6) könnten jedoch über ihre pflanzlichen oder mineralischen Inhaltsstoffe wirken.

Anwendungsbereiche. Die Homöopathie ist mit einem Jahresumsatz von 200 Millionen ? allein für homöopathische Arzneien eines der führenden Verfahren im Bereich der komplementären und alternativen Medizin. 40 % der Deutschen haben nach einer Forsa-Umfrage (2004) persönliche Erfahrung mit der Homöopathie. Sie wird praktisch bei fast allen Krankheitsbildern eingesetzt, schwerpunktmäßig vor allem bei Funktionsstörungen ohne organische Erkrankung, chronischen Krankheiten und psychosomatischen Beschwerden.

Bewertung. Um die Homöopathie werden erbitterte Glaubenskämpfe geführt. Dass sie – teilweise spektakuläre – Wirkungen hat, ist aufgrund vielfacher Erfahrungen anzunehmen und deckt sich mit den Ergebnissen unkontrollierter (d.h. ohne Vergleich mit einem Placebo durchgeführten) Studien.

Ob die Erfolge auf spezifischen Wirkungen der homöopathischen Arzneimittel beruhen, ist allerdings fraglich. Ein naturwissenschaftlich plausibler Wirkmechanismus für hochverdünnte homöopathische Arzneimittel ist nicht bekannt, und die zur Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen durchgeführten Studien sind widersprüchlich: Es gibt zwar Studien, die eine spezifische Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln unterstützen, die Gesamtheit der bisher durchgeführten Untersuchungen spricht jedoch dagegen. Und: Je wissenschaftlich einwandfreier die Studien zur Homöopathie sind, desto eher zeigt sich keine spezifische Wirkung. Nach heutigen wissenschaftlichen Standards muss damit die spezifische Wirkung der Homöopathie als nicht ausreichend belegt gelten.

Unspezifische Wirkungen dagegen sind nicht nur nachgewiesen, sondern auch plausibel: Zumindest die klassische Homöopathie baut auf einer intensiven therapeutischen Beziehung auf, und der Vorgang des Repertorisierens bietet einen weiten Raum für Problemklärung und Problembewältigung – und das ohne den „Ruch“ von Psychotherapie zu haben. Ob die weniger auf den individuellen Patienten zugeschnittene klinische Homöopathie ähnlich starke unspezifische Wirkungen hat, ist unklar.

Die Sicherheit homöopathischer Arzneimittelgaben ist grundsätzlich gut. Die Homöopathie wird jedoch nicht selten von medizinisch weniger geschulten Anwendern praktiziert, was dann problematisch sein kann, wenn auf eine schulmedizinische Diagnose verzichtet wird oder wenn Verschlimmerungen nicht rechtzeitig erkannt werden. Die Homöopathie kann zumindest bei schweren Erkrankungen eine schulmedizinische Diagnose und Behandlung nicht ersetzen, d.h. sie sollte nicht alternativ, sondern komplementär eingesetzt werden.

Weiterführende Informationen
http://www.vkhd.de|www.vkhd.de – Internetseite des Verbands klassischer Homöopathen Deutschlands e.V., Ulm: Fundierte Fach- und Patienteninformationen, mit aktuellen Meldungen zu Kostenübernahme, Arzneimittelrecht und ausführlicher Literaturliste.

http://www.bkhd.de|www.bkhd.de – Zusammenschluss von sechs Homöopathie-Vereinen, mit Fach- und Patienteninformationen sowie weiterführenden Links. www.homoeopathie-zeitschrift.de – Internetseite der zweimal im Jahr erscheinenden Zeitschrift „Homöopathie“, mit guter Linksammlung und teils kostenlosen Artikeln zum Herunterladen. M. Wischner: Was ist Homöopathie? Fragen und Antworten zur Einführung. KVC Verlag, 2004. Sehr informativ und sachlich verfasstes Buch. H. Möllinger: Homöopathie – Die große Kraft der kleinen Kugeln. Ein praktischer Leitfaden für Patienten. Herder, 2000. Gute Einsteigerlektüre. J. M. Schmidt: Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild. Grundlagen, Methodik und Geschichte. Haug, 2001. Neben fundierter Sachinformation bietet dieses Buch eine ausführliche Bibliografie und umfassende Sach- und Personenregister. S. Sommer: Homöopathie. Der Große GU Kompass. Gräfe & Unzer, 2007. Schnelle und sichere Orientierung auf der Suche nach geeigneten Mitteln und Krankheitssymptomen.

Weiterlesen:
Klinische und Klassische HomöopathieSamuel Hahnemann und die ÄhnlichkeitsregelBiochemie nach SchüßlerHildegard-MedizinDie verschiedenen Heilverfahren in Listenform

Unspezifische Wirkungen – wie sie sich erklären lassen

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Unterschiedliche Effekte erklären die Wirkung alternativer Therapien.Unspezifische Wirkungen sind keine Scheinwirkungen und auch nicht „nur Placebo-Effekte“. Im Gegenteil: Sie stimulieren die Selbstheilungskräfte und können so einen entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen. Dem liegen verschiedene Mechanismen zugrunde:

Jede Behandlung greift auch ein Stück weit in das Gefüge unseres Lebens ein: Wir lernen unseren Körper besser kennen, denken über unsere Erkrankung nach, entdecken vielleicht Konflikte, Unstimmigkeiten oder Probleme in unserem Leben und versuchen, diese zu lösen. Diese Zuwendung uns selbst gegenüber kann unsere eigene Position stärken und Eigenkräfte mobilisieren. Behandlung schafft Erwartung: Wir bringen in die Therapie unser Vertrauen ein, und erwarten allein schon deshalb, dass es uns in absehbarer Zeit bessergeht. Wie stark dieser Effekt ist, lässt sich in Studien zeigen: Werden im Krankenhaus Schmerzen behandelt, ohne dass der Patient weiß, für welchen Zweck er die Medizin bekommt, so wirkt das Schmerzmittel schlechter, als wenn der Patient ausdrücklich über die zu erwartenden Wirkungen aufgeklärt ist (dies gilt übrigens in noch stärkerem Maße für Placebos). Viele Verfahren – wie die Homöopathie – bestehen aus weit mehr als nur den eingenommenen Tröpfchen oder Globuli: Dazu gehört ein ausführliches Gespräch zur Auswahl des Medikaments, bei dem sehr persönliche Fragen gestellt werden. Dazu gehören das „Gute Besserung“ der freundlichen Apothekerin und andere Begegnungen auf dem Weg. Kurz: Wir haben es mit einem therapeutischen System zu tun. Ein entscheidender Teil dieses Systems ist die Beziehung zum Therapeuten, der sich ein Stück weit in unsere Person und unser Problem eindenkt. Dessen Erfahrung, Wissen und menschliche Präsenz können uns Angst nehmen, Hoffnung und Sicherheit vermitteln und uns damit insgesamt stärken. Viele Naturheilverfahren bieten in der Tat das, was die Forschung als die wirksamsten Elemente einer Psychotherapie ansieht: eine therapeutische Beziehung, Klärung von Konflikten und Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen. Zu den unspezifischen Wirkungen gehören auch die so genannten ?Reizeffekte: Wo immer der Körper aus seiner Funktionsbalance (Homöostase) gebracht wird, leitet er zunächst einmal eine Stressantwort ein – das gilt für einen Aufenthalt in der Sauna genauso wie für einen kalten Wasserguss und die Akupunkturnadeln. Und diese Gegenreaktion kann, richtig dosiert, das Immunsystem ankurbeln – so ist z. B. bekannt, dass selbst die Injektion von physiologischer Kochsalzlösung messbare Veränderungen in der Zahl und Funktion der Immunzellen bewirkt. Und zu guter Letzt darf nicht vergessen werden, dass viele Naturheilverfahren vom Patienten selbst bezahlt werden. Dies kann zum einen den „empfundenen Wert“ einer Therapie steigern. Zum anderen ermöglicht die im Vergleich zur „Kassenleistung“ weitaus bessere Vergütung eine zeitlich intensivere Zuwendung als das kurzatmige System der Fünf-Minuten-Medizin. Egal, ob dies als „erkaufte Zuwendung“ gesehen wird oder als ein dringend notwendiges Korrektiv der Schulmedizin: Die therapeutischen Begegnungen im Bereich der Alternativverfahren gehen oft tiefer.

Eine manchmal unterschätzte, unspezifische Wirkung ist auch das: Jede Therapie braucht Zeit – und diese Zeit wird auch von der Natur genutzt. Viele Krankheiten werden nun einmal von selbst besser – von Prellungen über Rückenschmerzen bis hin zu Erkältungskrankheiten.

Deshalb formulierte der Dichter Voltaire einmal eine Spitze gegen die damalige Schulmedizin, als deren edelste Aufgabe er es ansah, den Patienten abzulenken, damit die Zeit ihr Werk in Ruhe vollbringen kann.

Ein Beispiel: Als die zweite Flasche Hustensaft zu Ende war, war der Husten der kleinen Mareike noch kein bisschen besser. Anstatt zum Kinderarzt, bringt Frau W. ihr Kind diesmal zum Heilpraktiker. „Keine Frage“, sagt der nach einer gründlichen Untersuchung, „hier kann eine Konstitutionsbehandlung helfen. Ich schlage eine Darmsanierung vor.“ Die verordneten Tröpfchen werden eingenommen, nach zwei Wochen ist der Husten weg. Hat nun die „Darmsanierung“ geholfen oder wurde Frau W. lediglich im Sinne Voltaires „abgelenkt“?

Wirkung: unbestreitbar
Dass Naturheilverfahren wirken, ist unbestreitbar. Millionen von Patienten haben durch Naturheilverfahren Besserung erfahren. Und die Zufriedenheit mit Naturheilverfahren ist bei den Nutzern generell hoch – meist um einiges höher als in der Schulmedizin. Und was die Naturheilkunde auch für sich in Anspruch nehmen kann: Sie wirkt manchmal auch dort, wo die Schulmedizin nicht (mehr) helfen kann – so konnte die Akupunktur manchen Migränepatienten helfen, die in der Schulmedizin erfolglos behandelt wurden. Wenn Kritiker der Naturheilkunde also behaupten, die „sanften“ Verfahren seien ansprechend und sympathisch, wirkten aber nicht, so stimmt das ganz offensichtlich nicht.

Spezifisch oder unspezifisch?
Allerdings: Dass die Wirkung spezifisch ist, ist bisher nur für die wenigsten Naturheilverfahren belegt. Die |Phytotherapie gehört zu den wenigen Methoden, die die spezifische Wirksamkeit einzelner Heilstoffe durch wissenschaftliche Studien belegen kann. Bei vielen anderen Verfahren verlief die Suche nach einer spezifischen Wirkung dagegen bisher eher enttäuschend: So ist das in Deutschland am häufigsten angewandte Naturheilverfahren, die Homöopathie, bisher nicht durch systematische Arzneimittelprüfungen im Sinn der |evidenzbasierten Medizin untermauert, und auch die Akupunktur kann nicht uneingeschränkt als spezifisch wirksam gelten.

Weiterlesen:
Wirkungsweise der KomplementärmedizinWissenschaftliche Prüfung von Naturheilverfahren: Pro und Kontra Naturheilverfahren realistisch nutzen

Bach-Blütentherapie

Quelle: apotheken.de | 07.03.2008 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
Die Bach-Blütentherapie geht auf den englischen Arzt Edward Bach (1886–1936) zurück, der zunächst als Bakterienforscher und Krankenhausarzt tätig war, dabei aber die damalige Medizin zunehmend als Zwangsjacke empfand. Für Bach war Krankheit Ausdruck einer Disharmonie zwischen Körper und Seele.

Im Verlauf von sechs Jahren beschrieb Bach 38 Pflanzen, deren Kräfte nach seiner Meinung den Gemütsbereich jedes Menschen beeinflussen können – und zwar dadurch, dass diese Pflanzen den 38 Seelenzuständen des Menschen entsprechen, wie etwa Angst, ungenügendes Interesse an der Gegenwartssituation, Überempfindlichkeit gegen Einflüsse und Ideen oder übergroße Sorge. Die Entsprechungen zwischen Gemütszustand und Pflanze fand Dr. Bach intuitiv, also ohne wissenschaftliche Versuche heraus. Jede der von ihm ausgewählten Blütenpflanzen kann nach Bachs Auffassung einen dieser archetypischen Seelenzustände korrigieren und dadurch das Bewusstsein harmonisieren.

Zumeist werden die gesammelten Pflanzen sofort nach dem Pflücken in eine Glasschale mit klarem Quellwasser gelegt und der Sonne ausgesetzt, bis die Blüten welken – damit wollte Bach die in den Pflanzen enthaltene „konzentrierte Information“ konservieren. Das Wasser wird dann mit Alkohol konserviert und verdünnt.

Neben den 38 Blütenessenzen entwickelte Bach auch eine als Notfalltropfen (rescue remedy, Nr. 39) bezeichnete Mischung aus den fünf Bach-Blüten Star of Bethlehem, Rock Rose, Clematis, Cherry Plum und Impatiens. Die Notfalltropfen werden bei seelischen Schockzuständen oder großer innerer Anspannung empfohlen.

Jeder kann sich durch Seminare und Ausbildungsprogramme an bestimmten Instituten für Bach-Blütentherapie zum Bach-Blütentherapeuten ausbilden lassen.

Durchführung. Der Therapeut soll den Seelenzustand seines Patienten im Gespräch intuitiv erfassen. Körperliche Beschwerden spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Nach dem Erstgespräch wird die passende Pflanze bzw. Pflanzenmischung ausgewählt, die der Patient dann in Form von Tropfen einnimmt. Der im Wasser enthaltene Pflanzenimpuls soll nun bestimmte seelische Kräfte anregen und individuelle Blockierungen lösen. Die Bach-Blütentherapie behandelt körperliche Krankheiten also nicht direkt, sondern durch Impulse auf der Gefühls- und Willensebene.

Einsatzgebiete und Bewertung. Die Bach-Blütentherapie wird bei psychischen Krisen, aber auch bei körperlichen Krankheiten angewendet. Die Wirkungsweise ist wissenschaftlich unklar. Die wenigen verfügbaren Studien belegen eine Wirkung zur Schmerzstillung bei der Geburt und bei Depressionen, ob es sich dabei aber um spezifische oder unspezifische Wirkungen handelt, bleibt unklar.

Weiterführende Informationen

http://www.bach-bluetentherapie.de|www.bach-bluetentherapie.de – Institut für Bach-Blütentherapie, Forschung und Lehre, Mechthild Scheffer, Hamburg: Bietet Hintergrundinformationen, Fachseminare und Buchempfehlungen. M. Scheffer: Die Original Bach-Blütentherapie. Das gesamte theoretische und praktische Bach-Blütenwissen, Hugendubel Verlag, 2006. Neuauflage des 1989 erstmalig erschienenen deutschsprachigen Grundlagenwerks mit Beschreibung der 38 Blütenkonzentrate, Rezeptbausteinen und vielen Fallbeispielen.

Weiterlesen: Die verschiedenen Heilverfahren in Listenform

Rationale Phytotherapie

Quelle: apotheken.de | 26.02.2015 | Dr. med. Herbert Renz-Polster
 Viele Arzneimittel aus der Schulmedizin stammen urprünglich von Pflanzenwirkstoffen ab.Die Rationale Phytotherapie (auch moderne oder naturwissenschaftlich orientierte Phytotherapie) bedient sich pharmazeutischer Verfahren, um die Heilpflanzen und ihre zu nutzenden Pflanzenteile wie Blätter oder Wurzeln („Droge“) – weiterzuverarbeiten. Dabei werden die enthaltenen Wirkstoffe extrahiert, konzentriert und manchmal sogar einzelne Inhaltsstoffe der Arzneipflanze abgetrennt. Die moderne Pflanzenmedizin kann dadurch die Wirkstoffe der Heilpflanze in möglichst gleichbleibender Konzentration zu pflanzlichen Fertigmedikamenten, den sogenannten Phytopharmaka verarbeiten, von denen ca. 5 000 in deutschen Apotheken gehandelt werden. Pflanzliche Arzneimittel werden als standardisierte Präparate bezeichnet, wenn zumindest von dem hauptsächlichen Wirkstoff eine garantierte Menge enthalten ist.

Der Beginn der Rationalen Phytotherapie reicht immerhin 200 Jahre zurück: 1811 gelang es dem Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner erstmals, eine Einzelsubstanz aus einer Pflanze zu isolieren, und zwar das Morphin. Seit der Nachkriegszeit kann die pharmazeutische Industrie die pflanzlichen Inhaltsstoffe auch chemisch umbauen oder komplett künstlich nachbauen (synthetisieren). Einige der wichtigsten schulmedizinischen Arzneien sind nachgebaute Pflanzenwirkstoffe, wie etwa die bei Herzschwäche angewendeten Digitalis-Präparate, die aus Schimmelpilzen abgeleiteten Penizilline und die ursprünglich aus Weidenrinde gewonnene Salicylsäure. Es wird geschätzt, dass die Mehrzahl der heute in der Schulmedizin verwendeten Präparate ursprünglich von Pflanzenwirkstoffen abstammt. Die Übergänge von der Pflanzenheilkunde zur Schulmedizin sind also fließend.

Wirknachweise
Die phytotherapeutischen Fertigarzneimittel müssen in Deutschland genauso wie synthetische Arzneimittel vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen werden. Für die uneingeschränkte Zulassung müssen sie einen wissenschaftlichen Wirknachweis erbringen. Für die neueren pflanzlichen Präparate werden hier dieselben Standards verlangt wie bei der Zulassung eines synthetischen Präparats – also methodisch einwandfreie Studien an einer ausreichenden Patientenzahl (Doppelblindstudien). Nur solche Präparate können heute auf Kassenrezept verordnet und damit von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Pflanzliche Arzneimittel, die diese – hohen und kostenintensiven – Anforderungen nicht erfüllen, können als traditionelle pflanzliche Heilmittel registriert und vertrieben werden, sofern ihre Anwendung auf einer mindestens 30-jährigen Tradition beruht, ihre Wirkung nach den bereits in der Literatur vorhandenen Studien plausibel und ihre Unbedenklichkeit nach dem Stand der Wissenschaft anzunehmen ist. Die Packungsbeilage enthält in diesem Fall die Formulierung „Traditionell angewendet bei –

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Die verschiedenen Heilverfahren im ÜberblickTraditionelle PhytotherapieGrundlagen der Phytotherapie